Bauer_mit_Schaf

Frauen gestalten Zukunft: Landwirtschaft jenseits der Erschöpfung

Dieser Beitrag richtet sich bewusst an Frauen in der Landwirtschaft.
Nicht, weil sie „alles anders“ machen müssen – sondern weil sie Qualitäten mitbringen, die heute besonders gebraucht werden: Verbindung, Weitblick und die Fähigkeit, auch Phasen der Ruhe zuzulassen.

Diese Qualitäten stehen nicht in Konkurrenz zu Leistung oder Verantwortung.
Sie sind gleichwertig.
Und sie dürfen, gerade in herausfordernden Zeiten, wieder mehr Raum bekommen.

Ich selbst bin keine Landwirtin, weil ich mich für einen anderen Weg entschieden habe.
Und doch bin ich mit der Landwirtschaft tief verbunden.

Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen – einem Hof, den mein Bruder in einigen Jahren übernehmen wird. Viele Menschen aus der Landwirtschaft begleiten mich bis heute: aus der Milchviehhaltung, der Mutterkuhhaltung, dem Gemüsebau.
Ich bekomme viel Schönes mit. Aber auch Erschöpfung. Und Verzweiflung.

Vorgaben, die sich ständig ändern – oft zugunsten des Handels und selten im Einklang mit den realen Bedürfnissen der Landwirtschaft.
Bestimmungen, die von Menschen getroffen werden, die vermutlich noch nie dabei waren, wenn ein Kalb das Licht der Welt erblickt, oder die Ohnmacht gespürt haben, wenn eine Ernte am Feld vertrocknet, weil wochenlang der Regen ausbleibt und die Mittel für Bewässerung fehlen.
Die Freude am Erzeugen eigener Produkte und Lebensmittel – und auf er anderen Seite die Wut, weil hektarweise heimische Kartoffeln vernichtet werden müssen – weil sie billig aus dem Ausland eingekauft werden.

Das kann entmutigend sein.
Und ja – das ist verständlich.

Doch es muss nicht dabei bleiben.

Denn dort, wo Kreativität Raum bekommt, entstehen neue Möglichkeiten.
Dort, wo Frauen sich erlauben, anders zu denken, entstehen neue Wege.
Vielleicht unkonventionell. Vielleicht leiser. Aber oft nachhaltiger.

Und genau hier möchte ich Bäuerinnen ermutigen:

Traut euch, euren eigenen Weg zu gehen.

Steht für euch ein – auch dann, wenn ihr aneckt.

Werdet kreativ und probiert Neues aus.

Verbindet euch immer wieder neu mit euren Werten.

Und genauso wichtig: Schenkt euch Phasen der Ruhe und Regeneration.
Traut euch, um Hilfe zu bitten, wenn euch alles zu viel wird.

„Rest and activity is nature’s balance.“

Euer Nervensystem ist nicht dafür gemacht, rund um die Uhr zu funktionieren.
So wie die Natur braucht auch der Mensch Phasen der Aktivität – und Phasen der Ruhe.

Ein reguliertes Nervensystem hilft euch, klarer zu denken,
besser mit Stress umzugehen, eure Gesundheit zu schützen, und
Beziehungen und Partnerschaft stabil zu halten.

Und genau dadurch wird Veränderung überhaupt erst möglich.
Nicht aus Erschöpfung heraus – sondern aus innerer Stabilität

Letztes Jahr war ich mit meinem Partner auf dem Radieschen-Fest in Tirol.
Dort durften wir einen Gemüsebauern kennenlernen, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist. Er und seine Familie bewirtschaften einen großen Betrieb mit verschiedenen Kulturen.
Viel Arbeit, das ganze Jahr über. Dazu drei Kinder. Ein Alltag, der – wie so oft in der Landwirtschaft – wenig Pausen kennt.
Und doch sagte er etwas, das mich berührt hat:

Bei aller Arbeit ist auch die Beziehung wichtig!
Es gibt immer etwas zu tun – aber man muss sich auch bewusst zurücknehmen. Weil das Leben nicht nur aus Arbeit besteht.

Er erzählte, dass sie sich ein- bis zweimal im Jahr ganz bewusst ein paar Tage für sich als Paar nehmen.
Zeit für Zweisamkeit. Zeit, um ihre Verbindung zu stärken.

Natürlich sind, gerade bei jungen Bäuerinnen, die Kinder noch klein. Natürlich ist Familienalltag fordernd. Und trotzdem darf auch hier Raum sein: für Beziehung, für Familie, für Nähe & Zusammenhalt.

Genau darin liegt für mich ein zutiefst nachhaltiger Gedanke.
Denn Kinder lernen nicht nur durch Worte, sondern vor allem durch Vorleben.

Wenn sie sehen, dass Landwirtschaft Schöpfung, Leidenschaft und Gemeinschaft sein darf – nicht nur Arbeit.
Dass aus dem Vollen geschöpft werden kann und nicht nur bis zur völligen Erschöpfung gearbeitet wird.

Österreich braucht starke, stabile Landwirtinnen.
Und Stabilität entsteht nicht durch ständigen Kampf und Überarbeitung.

Sie entsteht auch durch Rückzug.
Durch Pflege von Beziehungen, von Familie und von sich selbst.
Und da rede ich nicht nur von Urlauben, sondern auch von den kleinen Momenten zwischendurch.
Miteinander lachen und eine liebevolle Geste kann oft mehr verbinden, als teure Urlaube.

Mein Impuls für die Landwirtinnen – Wie kann es weitergehen?

Vielleicht nicht durch mehr Kampf. Sondern durch eine starke innere Haltung. Durch ein neues Bewusstsein für Gemeinschaft.
Und durch den Mut, sich wieder mehr mit sich selbst zu verbinden.

Nicht alles, was einen stört, ist es Wert sich Tag und Nacht damit zu beschäftigen. Manches darf man auch bewusst stehen lassen, um die eigene Energie auf das zu richten, was Haus, Hof & Familien wirklich trägt.

Denn Energie folgt der Aufmerksamkeit.

Die Fragen, die dabei helfen können, sind oft ganz einfache:

Wofür brenne ich in der Landwirtschaft wirklich?
Was möchte ich verwirklichen – auf meinem Hof, in meiner Arbeit?
Was wünsche ich mir für uns als Paar, als Familie?
Welche Werte sollen unser Tun leiten?

Dort, wo diese Fragen ernst genommen werden, entsteht Raum für Selbstentfaltung und für Neues.

Manchmal zeigen sich Wege, die auf den ersten Blick unlogisch oder mühsam erscheinen. Wege, die vielleicht in den ersten Jahren mehr Einsatz verlangen.
Und doch langfristig stabiler, freier und nachhaltiger sein können.
Vielleicht liegt der Schlüssel genau dort:
Im bewussten Gestalten, im bewussten Loslassen und der Erlaubnis, seine eigenen Grenzen zu sprengen.

Denn ein starkes Land braucht Menschen, die den Mut haben, ihren eigenen Weg zu gehen.

 

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