Angelika Wagner

Es darf mir im Leben gut gehen…

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Pädagogin und Erwachsenenbildnerin, Psychotherapeutin, Mediatorin, ​​​​Kommunikationstrainerin für bäuerliche Familienunternehmen

  • Gerade im ländlichen Raum ist es vielen Menschen besonders wichtig eine Fassade aufrecht zu erhalten. Sei es bei familiären oder betrieblichen Problemen, oder einfach nur um das Geleistete zu präsentieren. Wie hilfreich ist es, wenn ich weiß, dass andere mit ganz ähnlichen Problemen kämpfen?

Im landwirtschaftlichen, dörflichen Umfeld ist es schon ein wenig verwegen, auch einmal etwas anders zu machen, seine eigenen Überzeugungen auch zu leben. Wer sich Freiräume schaffen will, und sei es nur um 10 Uhr Vormittag eine Joggingrunde zu machen, tut gut daran, sich jemand zweiten für diese Unternehmungen zu suchen. Hier darf es ruhig manchmal heißen, Sch… dir nix! Gerade Bäuerinnen und Bauern stellen oft das Thema Leistung in den Vordergrund. Dabei wäre es wichtig, mit Selbstbewusstsein auch für „MICH“ einzustehen und darauf zu schauen, dass meine Lebensqualität stimmt!

  • Gibt es ein „Grundmisstrauen“ der Gesellschaft in die Landwirtschaft? Und was macht die daraus resultierende Überkontrolle mit den Bäuerinnen und Bauern?

Ja und Nein. Ich finde, es gibt ganz viel Vertrauen. Gerade auf Bauernmärkten wird das erlebt – das ist vielleicht ein wenig elitär und hier wäre es sicher gut, noch mehr Breitenwirkung zu erzielen.

Durch die verunsicherte Zeit in den letzten Jahren hat sich ein gewisses Misstrauen wohl generell in der Gesellschaft etabliert. Das würde ich nicht auf die Landwirtschaft begrenzen. Unsere Produkt- und Wohlstandsgesellschaft fordert zum Beispiel mehr Tierwohl, was einerseits durch Aktivitäten gewisser Tierschutzorganisationen eher unangenehm für Bäuerinnen und Bauern sein kann, andererseits aber auch dazu anspornt, noch mehr darauf zu achten, dass es den Tieren auch wirklich gut geht.

„Gleichmacherei“ ist immer eine Gefahr, gerade auch wenn es um die Landwirtschaft geht. Darum finde ich auch die Arbeit von Organisationen wie eurer zum Beispiel mit „Ohne Herkunft, keine Zukunft“ so wichtig. Denn ihr zeigt, dass zwar einiges nicht so leicht ist – UND gleichzeitig gibt es Gestaltungsraum und Freiheit und Lust darauf, etwas zu machen!

Betriebe können hier aktiv etwas tun, und selber einen Beitrag zur Kommunikation mit den Konsumenten leisten. Sei es durch „Schule am Bauernhof“, „Green Care“, „Urlaub am Bauernhof“ oder auch durch die Direktvermarktung. Aber immer so, dass es zu einem selber passt. Viele Puzzleteile ergeben das ganze bunte und dann stimmige Bild.

  • Warum schüren negative oder sehr vage Nachrichten auch bei Betriebsleiterinnen und Betriebsleitern, von durchaus erfolgreich geführten Betrieben, Existenzängste?

Dafür kann es verschiedene Gründe geben. Einer davon ist meist, das Level halten zu wollen – es soll bleiben, wie es ist.

  • Wie wirken sich Ängste, und im Besonderen Existenzängste, auf die Handlungsfähigkeit der Personen aus? Sind diese Ansporn oder Bremser?

Die Angst an sich ist ein Urthema der Menschen und kann durchaus zu Höchstleistungen anspornen. Sind wir aber von Angst dauernd getrieben, verzerrt sich nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch das Denken kann sich komplett verändern. Wird Angst zum täglichen Begleiter, wird auch die Handlungsfähigkeit eingeschränkt und geschmälert. Ich bin nur mehr in einer gewissen Sequenz handlungsfähig und nicht mehr in der ganzen Breite.

  • Die Bauernschaft erlebt gerade viele Trendwenden und wachsende Ansprüche der Konsumenten. Diese Veränderungen sind kaum aufzuhalten. Was empfehlen Sie Bäuerinnen und Bauern, um den Mut nicht zu verlieren?

Ich sehe es als hilfreich wirklich darauf zu achten, ob mir mein Tun auch Freude bereitet. In Firmen wird oft eine Reflexionsschleife eingelegt. Das heißt, von Zeit zu Zeit einfach auch mal Inne zu halten und zu überprüfen: Wo steht unser Betrieb? Sind wir noch dort, wo wir eigentlich sein möchten? Aus meiner Sicht braucht es unbedingt auch ein Leben außerhalb dieses Wirkbereiches, da man den Arbeitsplatz faktisch ja nie verlässt. Hier heißt es genau hinschauen: Wo kann ich mich auch einmal abgrenzen? Was erfreut mich, was macht mich glücklich? Welche Menschen tun mir gut?

  • Wie wichtig ist es, von Zeit zu Zeit auch einmal Abstand zum landw. Betrieb zu haben? (Urlaub, Freizeit, Gesundheitsangebote)
  • Alle diese Dinge halte ich für absolut notwendig und wichtig – am besten in einer gewissen Regelmäßigkeit! Ob das jetzt ein Konzertbesuch ist, oder ein kurzer Städtetrip ist letztlich egal. Viel wichtiger ist, auch dafür einzustehen und wirklich zu sagen: Ja, das mache ich jetzt! Und es ist mir egal, was andere Leute dazu sagen! Besonders wichtig ist auch, immer wieder herauszufinden: Was brauche ICH? Was braucht mein unmittelbares Umfeld? Was macht für mich Sinn? Wofür lebe ich? Was ist mir ein Anliegen?
  • Wäre ein gut organisiertes und finanziell unterstütztes Betriebshilfeangebot eine echte Verbesserung, oder können manche Landwirte es gar nicht zulassen, auch einmal das Ruder abzugeben – bzw. Hilfe anzunehmen?
  • Da kann ich nur sagen, JA und JA!   
  • (Hinweis der Redaktion: Der Maschinenring hat in Oberösterreich das Projekt „Tier und Hof in guten Händen“ gestartet.  https://www.maschinenring.at/maschinenring-ooe-service-egen/gefoerdertes-praeventionsmodell-fuer-betriebshilfe)
  • Für eine positive Lebenseinstellung gibt es sicher kein Allgemeinrezept. Aber welche Tipps kann man mit ein wenig Willen zu Hause umsetzen? Was hilft vielen um die psychische Gesundheit zu erhalten oder sogar zu verbessern
  • Eine gewisse Grundhaltung kann hier hilfreich sein:
    – Es darf mir im Leben gut gehen, ich erlaube mir, dass das Leben gut sein kann und erinnere mich bewusst an die guten Momente!
    – Fotorückblicke: Ja, es war oft schwierig, aber da waren ganz viele tolle Momente und Erlebnisse mit dabei!
    – Sich mit Dingen umgeben, die einem richtige Freude bereiten! Wenn ich auch noch laut sage: „Mah, is des schön!“, gebe ich dem Körper ganz bewusst ein positives Signal.
    – Sich auch einmal anzuschauen, wieviel meiner Zeit ist Arbeitszeit und wieviel davon ist Ruhezeit?
    – Morgens schon beim Aufstehen könnte man sich den Satz bewusst machen: „Bin gespannt, an welcher Stelle des Tages heute ein toller Moment für mich ums Eck kommt!“
    – Humor! Nicht alles ist immer lustig, aber vieles lässt sich mit Humor leichter nehmen.
    – Am Abend sich ganz bewusst DANKBAR an jene Dinge erinnern, die gut gegangen sind, die Freude bereitet haben oder einfach nur lustig waren.
  • Manchmal können gute Tipps auch einfach zu wenig sein und es tut gut, mit außenstehenden Personen zu sprechen und vielleicht neue Perspektiven zu sehen. Wir haben einige Angebote zusammengefasst:
  • Bäuerliches Sorgentelefon:
    Telefonische Hilfe zum Ortstarif: 0810 / 676 810
    Montag bis Freitag von 8:30 bis 12:30 Uhr
    https://www.lko.at/das-b%C3%A4uerliche-sorgentelefon+2400+2976839
    https://www.lebensqualitaet-bauernhof.at/
  • Psychosoziale Beratung in den Landwirtschaftskammern
    Kontaktpersonen in den Bundesländern: https://www.lebensqualitaet-bauernhof.at/ansprechpartner-innen-%C3%B6sterreich+2500+1653943
  • Telefonseelsorge: Notrufnummer 142 www.telefonseelsorge.at
  • Instahelp: www.instahelp.me/at
  • Kriseninterventionszentrum: www.kriseninterventionszentrum.at
  • Psychosozialer Dienst Wien: www.psd-wien.at
  • Psychosoziale Zentren gGmbH: https://www.psz.co.at/schnelle-hilfe/
  • Kriseneinrichtungen und psychosoziale Hilfsangebote, nach Bundesländern: 
    https://www.gesundheit.gv.at/leben/suizidpraevention/anlaufstellen/kriseneinrichtungen.html
     

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Bäuerinnen und Bauern definieren ihren Wert oft durch Arbeit